Du bist eben zu nett

Du bist eben zu nett – Talk

„Vielleicht bist du einfach zu nett“, meinte er, als wir am Morgen zum Bahnhof laufen. Es wird langsam schon hell und ich atme tief ein. Eine Nacht durchzumachen, das bin einfach nicht ich, dementsprechend bin ich wahnsinnig müde. Ich hatte Spaß, und wie, meine Kommilitonen sind wirklich dufte, aber nichts desto trotz machen sich die Spuren letzter Nacht langsam bemerkbar. Wieder hatten mich einige Fremde darauf angesprochen, wieso ich eine so ausgeprägte soziale Ader habe und ich hatte immer nur gegrinst und gesagt „Ist eben so“. Ich bin froh, mich jetzt auf dem Heimweg zu befinden. „Verstehe mich nicht falsch“, sagte er, „ich halte das für eine tolle Eigenschaft, aber was hast du davon? Manche werden sich doch nicht einmal dran erinnern, mit dir gesprochen zu haben, geschweige denn ensteht aus so etwas eine wirkliche Freundschaft. Du hast selbst Probleme und verbringst deine Zeit trotzdem damit, dich um Andere zu kümmern. Was hast du davon?“ Ich zucke mit meinen Schultern und schweige eine kurze Weile. Irgendwo, denke ich, hat er Recht..

Du bist eben zu nett – ZU nett?

Ich will mich hier nicht selbst beweihräuchern, das ist nicht meine Art, aber ich stelle mir Fragen. Fragen darüber, ob ein ZU nett überhaupt existiert und darüber, wo die Grenzen sind. Fragen, über die ich mit euch diskutieren möchte.

Wenn es einem Menschen schlecht geht, dann kann ich nicht wegsehen. Dann möchte ich helfen, weil ich eben so bin. So kommt es des Öfteren vor, dass ich Partynächte und lustige Zusammenkünfte damit verbringe, Leuten zuzuhören und zu versuchen, ihnen Trost zu spenden. Meistens sind es sogar Leute, die ich noch nie gesehen habe. An sich geht es mir gut damit denn ganz ehrlich, wenn sich einem wildfremde Menschen anvertrauen, dann ist das ein schönes Kompliment, doch manchmal, wenn ich abends im Bett liege, dann fühle ich mich wahnsinnig platt und wenn ich dann meine letzten paar Tage reflektiere, stelle ich fest, dass ich einfach ausgelaugt bin. Also gibt es ein „zu nett“? Ist es manchmal einfach sinnvoller, wegzusehen und sich um sich selbst zu kümmern? Wo ist die Grenze?

Ich befasse mich mit diesem Thema noch nicht erst seit ein paar Wochen, denn irgendwie ist es immer gegenwärtig. Es ist nicht das erste Mal, dass man mir sagt, ich wäre „zu nett“ und ich solle „besser auf mich aufpassen“. Auf ask.fm wurde ich auch schon (sehr freundlich, haha) darauf hingewiesen, dass ich absolut scheinheilig und realitätfremd bin, schließlich reagiert kein Mensch auf Beleidigungen mit einer netten Antwort. Vielleicht mag das stimmen, aber bisher weigere ich mich extrem dagegen, mein Glaube an das Gute im Menschen zu verlieren, denn ganz ehrlich: Wenn es mir dreckig gehen würde, dann würde ich mich freuen, wenn mir jemand zuhört und mich tröstet – gerade auf einer Party, wo jeder nur damit beschäftigt ist, so viel Spaß wie möglich zu haben. Ich habe für mich vor einer Zet beschlossen, so zu handeln, wie ich es mir von anderen Menschen wünschen würde. Ja, manchmal ist das anstrengend, denn wenn man auf Dauer hauptsächlich negative Gedanken hört, dann geht das nicht unbeschadet an einem vorbei, aber sobald man dann eine Nachricht bekommt wie „Hey, danke, dass du dich um mich gekümmert hast„, dann ist das auch sofort wieder vergessen.

Was ist also das Wichtige am „Nett-Sein“?

Ich denke, man muss seine Grenzen kennen, denn nur dann ist man in der Lage, sich selbst zu schützen. Was bringt es einem, wenn man selbst an all der Negativität zerbricht?

„Ich war auch mal so wie du“, sagte er irgendwann, „aber das habe ich aufgegeben. Für meine Freunde bin ich da, jederzeit, aber ich kann mich nicht auch noch um Fremde kümmern.“ Ich schaue ihn an und verstehe genau, was er meint. „Vielleicht“, beginne ich, „komme ich ja irgendwann auch an den Punkt. Aber jetzt im Moment ist das für mich ok. Ich komme klar.“

Vielleicht ist es gerade etwas schwierig für mich, das zum Ausdruck zu bringen, was ich eigentlich sagen will. Auf jeden Fall finde ich es irgendwo schade, dass es Manche als Zeitverschwendung ansehen, nett zu einem Fremden zu sein, oder dass es als realitätsfern gilt, Menschen nicht zu beleidigen. Vielleicht will ich auch einfach nur darauf aufmerksam machen, dass es anstrengend sein kann, sich andauernd um Andere zu kümmern und dass man dann genau auf seinen Körper hören sollte, wie viel man selbst ertragen kann. Auf jeden Fall liegt mir dieses Thema am Herzen und ich bin gespannt auf eure Meinungen dazu.

Was meint ihr, gibt es ein „zu nett“?

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16 Comments

  • Reply
    Lina
    8. Dezember 2014 at 12:28

    Ich denke auch, dass man klare Grenzen ziehen muss. Wenn es einer Freundin nicht gut geht – klar ist man für sie da und stellt seine eigenen Bedürfnisse zurück. Aber wenn es zu viel wird, dann kann das eine echte Belastung werden. Gerade wenn es Leute sind, die man gar nicht kennt. Mit einer Prise Egoismus findet man dann aber schon die Mitte, denke ich. Denn eigentlich ist das ja eine wirklich schöne Eigenschaft, die man sich bewahren sollte!

    • Julia
      Reply
      Julia
      8. Dezember 2014 at 12:55

      Danke dir Lina, ich kann dir da nur zustimmen! :)

  • Reply
    Wakila
    8. Dezember 2014 at 12:50

    Also ich muss ehrlich sagen, dass ich so bin/war wie du. Ich habe mich um alle gekümmert (habe das auch gerne getan) aber irgendwann kam der Punkt, an dem ich anfing mein eigenes Leben und meine eigenen Sorgen zu vernachlässigen und irgendwann habe ich mir dann gesagt: ICH stehe an erster Stelle, so egoistisch das auch klingt. Ich habe mir einfach gedacht, dass es niemandem etwas bringt, wenn es mir selbst schlecht geht, ich aber anderen Leuten versuche zu helfen. Von daher würde ich sagen, dass jeder selbst wissen muss, ab wann das „zu nett sein“, was ja eigentlich positiv ist, in etwas negatives umschlägt.

    Liebe Grüße,
    Wakila von http://www.helloblack.net

    • Julia
      Reply
      Julia
      8. Dezember 2014 at 12:54

      Ich finde nicht, dass das egoistisch klingt, das ist doch vollkommen legitim! Man steckt nunmal nur in seiner eigenen Haut und muss sich zu allererst um sich kümmern. Deswegen habe ich auch vollstes Verständnis dafür, wenn jemand mal sagt „Du, ich kann und will dir da nicht helfen, ich habe genug um die Ohren“. Vielleicht bist du da auch einfach schon weiter als ich und ich gelange noch an den Punkt :)

      Vielen Dank für deine Meinung :)

  • Reply
    Tintenhexe
    8. Dezember 2014 at 13:04

    Finde ich einen super Beitrag und würde gerne einfach sagen „Bleib so!!“ gar nicht so leicht, weil man wenn man „zu nett“ ist, auch viel zu oft ausgenutzt wird!!!

    • Julia
      Reply
      Julia
      8. Dezember 2014 at 15:13

      Lieb von dir, vielen lieben Dank für deine Meinung!:)

  • Reply
    Jasmin
    8. Dezember 2014 at 14:00

    hey;)
    Ich denke nicht, dass es ein zu nett gibt, es gibt nur ein zu wenig auf seine eigene Wohlfühlzone achten. Solange du dir Probleme anhören kannst, ohne dass sie dir wie ein Schatten folgen und du sie zu deinen eigenen Problemen machst, ist denke ich, alles in Ordnung. Erst wenn du beginnst zu grübeln und zu lange über etwas nachzudenken, das dich persönlich gar nicht betreffen sollte, solltest du dir Gedanken über Selbstschutz und ein bisschen mehr Egoismus machen.
    Ich finde deine Einstellung übrigens toll, und wenn es mehr Menschen gäbe, die sich nicht wie die letzten/wichtigsten/wertvollsten/einzigen Menschen auf diesem Planeten aufführen würden, wäre sicher einiges leichter;)
    Verbieg dich also nicht, weder in die eine noch die andere Richtung, wenn es dem zuwieset läuft was du möchtest.
    In diesem Sinne,
    Liebste Grüße
    Jasmin

    • Julia
      Reply
      Julia
      8. Dezember 2014 at 15:14

      Lieb von dir – und vielen Dank für deine Meinung :)
      Und ja du hast Recht, den Selbstschutz sollte man dabei nie außer Acht lassen!

      Allerliebste Grüße!

  • Reply
    iivorybeauty
    8. Dezember 2014 at 14:18

    Der Post hat mich wirklich zum Nachdenken angeregt! Allgemein ist es immer gut, nett zu anderen zu sein, auch zu Fremden. Immerhin sind diese ja auch Menschen, die man nur nicht so gut kennt. Ich finde die Menschen, die sich um jeden kümmern einfach total lieb und nett, aber ich weiß, dass es diesen häufig auch irgendwie zur Last fällt, was total schade ist. Toller Post, ich finde, er ist dir super gelungen. :)
    Liebe Grüße ♥
    http://iivorybeauty.blogspot.de/

    • Julia
      Reply
      Julia
      8. Dezember 2014 at 15:14

      Vielen Dank, es freut mich sehr, dass ich dich zum Nachdenken anregen konnte und du mir deine Meinung mitgeteilt hast :)

      Liebe Grüße!

  • Reply
    Jenny
    8. Dezember 2014 at 18:16

    Haha, oh, ich bin auch so ein Mensch, ich muss allen helfen und stelle mich selber hinten an :’D Ein Arbeitskollege (mein liebster Arbeitskollege!) ist ganz genauso… manchmal ist es echt lustig wenn irgendwer erzählt und dann kommt „du bist echt zu nett….aber als ob ich das anders machen würde“ :D

    Liebe Grüße, Süße :*
    Jenny
    http://imaginary-lights.net

    • Julia
      Reply
      Julia
      8. Dezember 2014 at 18:52

      Hihi, das ist natürlich super, wenn man da noch jemanden kennt und sich austauschen kann:)

      Liebste Grüße auch an dich :) ♥

  • Reply
    Laura
    10. Dezember 2014 at 8:59

    Bei mir war das früher auch so, dass ich Menschen geholfen habe und dadurch meine eigenen Bedürfnisse zurückgestellt habe. Und irgendwann kam ich an den Punkt, an dem ich gemerkt hab „hey, jetzt denk doch mal an dich und nicht nur daran, dass es anderen gut geht“. Und kurz nach dieser Einstellung habe ich gemerkt, dass eine gewisse Person, für die ich vieles Tat mein „nett-sein“ ausgenutzt hat. Tja, das war dann ein tiefer Schlag ins Gesicht.
    Aber ich habe daraus gelernt. Daraus gelernt, dass man manchmal einfach an sich denken sollte. Man kann es nicht immer jeden Recht machen.
    Ich finde es gut wenn man anderen Menschen ein offenes Ohr schenken kann, vor allem wenn man sie nicht einmal kennt. Aber man sollte dabei immer noch an sich denken und abwägen ob es ok für einen selbst ist oder ob man damit eigentlich ein Problem hat.
    Ich muss zugeben, dass ich trotzdem immer noch ab und zu versuche es jedem recht zu machen. Aber dann holen mich die Menschen die mich lieben auf den Boden der Tatsachen zurück, und versuchen mir damit zu helfen.

    Liebe Grüße Laura :)

    • Julia
      Reply
      Julia
      11. Dezember 2014 at 18:11

      Vielen Dank für deine Meinung Laura! :)

      Ich finde es super, dass du einen passenden Weg für dich gefunden hast! Kann es absolut nachvollziehen, dass man sich das nochmal genauer überlegt, wenn man nur ausgenutzt wird!

      Allerliebste Grüße :)

  • Reply
    SorayaLovesLife
    14. Dezember 2014 at 18:51

    Ich finde, alle Menschen sollten so sein! Dann gäbe es weniger Leid in der Welt! Bewahre dir also bitte deine Nettigkeit! Wichtig ist dabei nur, dass man sich selbst nicht vergisst und auch an sich und seine Bedürfnisse denkt!

  • Reply
    Paula
    7. Februar 2015 at 12:26

    Hey, ich habe ungefähr genau dasselbe „Problem“ so wie es die Anderen nennen. Denn ich bin auch so… einfach zu nett. Klar wird man da ausgenutzt,dass passiert mir öfters und am Ende kümmern sich die Anderen einen Mist um mich, wenn es mir mal schlecht geht. Aber dennoch kann ich das nicht unterlassen…. Irgendwie recht komisch… aber ich mag es halt…

    LG Paula

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