It’s a mad world.

It’s a mad world, das findet nicht nur Gary Jules. Es gibt viele schlimme Dinge auf der Welt. Das ist uns bekannt. Doch dass wir manchmal einfach selbst das Problem sind und ganz einfach etwas verändern und unsere Lebensqualität steigern könnten, das scheinen wir gerne zu verdrängen – oder wir befassen uns einfach nicht damit. In den letzten Tagen ist mir klar geworden, in welche Richtung sich unsere Gesellschaft entwickelt und finde das einfach nur traurig.


It’s a mad world.

Wir sitzen in der Küche und trinken Tee. Das tun wir öfter, aber heute ist es irgendwie anders. Heute nervt es mich, dass mein Handy dauernd vibriert und es nervt mich, dass ich dauernd irgendwelche Bilder und Videos zeigen möchte, anstatt einfach mal zuzuhören und aufmerksam zu sein.

Wann ist es eigentlich passiert, dass wir aufgehört haben, auf andere Menschen einzugehen? Ich meine, so richtig einzugehen. Offen und aufrichtig zuzuhören, ohne in der Weltgeschichte herum zu starren oder schon etwas ganz anderes im Kopf zu haben. Die Mimik und Gestik des Gegenübers zu beobachten. Den Menschen hinter der Fassade, die wir alle tragen, zu verstehen. Jemandem einfach mal straight in die Augen zu schauen.

Ja, ich schäme mich.

Ich schäme mich dafür, dass ich manche Menschen zu schnell kategorisiere. Dass ich manchmal keine zweite Chancen gebe. Dass ich nicht richtig zuhöre. Es ist nämlich unglaublich, was man so alles erfahren kann, wenn man das Smartphone weglegt und sich einfach voll und ganz auf sein Gegenüber konzentriert. Man versteht plötzlich, wieso er sich so oder so verhält. Man nimmt sich Zeit. Man schenkt Zeit.

Und manchmal, da wird man überrascht. Vielleicht steckt hinter der Fassade ja auch nur ein Mensch, so wie du und ich. Wer hätte das erwartet? Vielleicht kann man sich anfreunden, auch wenn es auf den ersten Blick so überhaupt nicht zu passen scheint. Und vielleicht kann man ja auch einfach mal ehrlich miteinander umgehen, offen sein, Komplimente machen.

Seit wann ist es eigentlich „gay“, Komplimente zu machen?

Gay. Schwul. Ein Wort, das viele, inklusive mir, dafür benutzen um auszudrücken, dass Jemand viel zu emotional ist. So schnulzig. Viel zu kitschig. Und irgendwann hat es wohl angefangen, liebe Worte und Komplimente mit einem „Bist du gay“ abzutun, anstatt es einfach anzunehmen. Sich zu freuen. Meine Güte, ich finde mich gerade wirklich ein bisschen eklig. Da öffnet sich Jemand, wenn auch nur in einem kleinen Satz, und man ist einfach zu gehemmt, es anzunehmen.

Ist es nicht schade, dass wir immer stark sein müssen. Nie weinen. Total erfolgreich sein müssen. Keine Schwächen oder Emotionen zeigen dürfen. Also ich finde das traurig. It’s a mad world. Wieso ist es denn gleich zu emotional, wenn man Jemandem offen sagt, was man an ihm schätzt? Wieso ist es immer noch so, dass Frauen emotional sein dürfen, Männer aber zu stark und behaart für Emotionen sind? Es ist 2016. Es gibt Virtual Reality. Wir können zum Mond fliegen. Aber aus unseren Rollenschemen und gesellschaftlichen Normen ausbrechen, das können wir nicht.

Manchmal, da verstehe ich das alles nicht.

Wahrscheinlich ist das alles hier ein bisschen wirr. Das sehe ich ein. Aber ich bin ein Mensch, der seine Emotionen und Gedanken ausspuckt. Manche mögen sie dann vielleicht falsch auffassen und ich muss mich erklären, aber wenigstens war ich ich. Wenigstens habe ich mich nicht verstellt.

Ich versuche, auf den Punkt zu kommen.

Was ich euch mit diesem Beitrag sagen möchte ist, dass ihr die Möglichkeit habt, die Beziehungen zu anderen Menschen so enorm zu verbessern und zu intensivieren, wenn ihr euch nur traut. Wenn ihr einfach mal das Smartphone weglegt, euch voll und ganz auf den anderen konzentriert und offen seid. Wenn ihr dem anderen vertraut und euch nicht schämt, für das was ihr wirklich fühlt, wenn ihr euch nicht verstellt und zu 100% so seid, wie ihr eben seid, dann werdet ihr vielleicht überrascht. Dann werdet ihr vielleicht eine so tolle Freundschaft zu einer Person aufbauen können, von der ihr es niemals erwartet hättet. Oder eben nicht. Und dann habt ihr es wenigstens versucht.

Wir sollten aufhören, so selbstbezogen zu sein und stattdessen wieder mehr Wert auf Interaktion, Kommunikation & Emotion legen. Denn it’s a Mad World und ich will einfach mehr.

Picture by Valentina Leokumovich

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6 Comments

  • Reply
    Tabea
    17. Oktober 2016 at 19:36

    Wow – was für ein bewegender Text!

    Ich muss ja ehrlich sagen, dass ich es auch schade finde, wenn mein Gegenüber lieber am Handy rumspielt, als sich ein wenig RICHTIG mit mir zu unterhalten… und daher versuche ich auch, mein Handy nicht zu nutzen, wenn ich mich mit Leuten unterhalte. Und meistens klappt das ganz gut – beispielsweise schaue ich auf Partys meist stundenlang nicht drauf.

    Wie du bin ich auch der Meinung, dass man seine wahren Gefühle und Gedanken preis geben sollte – denn ich will ja nur Freunde haben, die mich auch so mögen, wie ich wirklich bin. Aber ich erwarte eben auch, dass sie meine Freunde nicht verstellen, da ich mir wünsche, dass sie sich in meiner Gesellschaft wirklich wohl fühlen und mir vertrauen, dass ich sie für nichts verurteile.

    Liebe Grüße

  • Reply
    Ally Shiny
    19. Oktober 2016 at 10:00

    Ein sehr schöner Text!
    Ich verstehe genau was du meinst und bin manchmal wirklich erschüttert von meinem Umfeld und auch manchmal von mir selbst.

    XOXO Ally
    [ allyshiny.blogspot.de ]

  • Reply
    Die Verwandlung - Was das TV-Projekt in mir ausgelöst hat.
    19. Oktober 2016 at 10:05

    […] welche die letzte Woche mit mir gemeinsam erlebt hat, schreibt auf Ihrem Blog: ,,Wann ist es eigentlich passiert, dass wir aufgehört haben, auf andere Menschen einzugehen? Ich […]

  • Reply
    Andrea
    19. Oktober 2016 at 16:00

    Ich kann diese Worte sehr gut verstehen. Ich bin auch manschmal verwundert dass manche Menschen nicht mal mehr die Tür für jemand anderen aufhalten können..als wären wir Feinde und /oder hätten nichts miteinander zu tun..so kommt es mir manschmal vor. Und die Smartphones nerven mich schon lange… ich verpasse ja nichts wenn ich mal eine halbe Stunde einfach nur spazieren gehe..und zum Mittagessen gehört einfach kein Handy… naja ich bin mal wirklich gespannt wie sich der ganze „Technik-Hype“ noch entwickelt…

  • Reply
    Katja Heinemann
    25. Oktober 2016 at 7:50

    Hey,

    ich verfolge dich und Matthew seit dem „geheimen TV-Projekt“ etwas genauer und das macht mich ziemlich traurig. Ich habe die Vermutung man hat euch einfach eine Woche lang das Handy entzogen und einen kleinen Film darüber gedreht. Eure Erkenntnis macht mich richtig wütend. Mich macht es wütend, dass ihr erst diese Auszeit braucht um zu verstehen. Das ihr wie viele andere Menschen abhängig und süchtig seit, was vor allem durch das Blogger-Dasein nicht besser wird.
    Das Handy und die sozialen Sachen bringen uns viele Vorteile. Mit Freunden in Kontakt bleiben, sich austauschen. Die Gefahren dahinter lernte man schon in der Schule. Diese Sucht die dahinter stecken kann. Ich finde es auf jeden Fall wichtig, dass ihr euren Lesern als Vorbild dient und aufklärt. Tragt eure Botschaft raus in die Welt! Ich bin froh über eure Erkenntnis. Aber ich finde es trotzdem traurig auf welchem Weg ihr dazu gekommen seid.

    Liebst, Katja
    http://www.amoureuxee.de

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    Monatsrückblick September und Oktober - Habutschu!
    31. Oktober 2016 at 7:57

    […] äußert sich Julia über das Verhalten, was die meisten Menschen an den Tag legen im Bezug auf Interaktion mit anderen. Für mehr Emotionen, Zuhören und Mitgefühl wäre […]

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