Mein schwuler bester Freund

Mein schwuler bester Freund

Der schwule beste Freund, spätestens seit Sex and the City wissen wir, dass wir ihn alle in unserem Leben brauchen. Mit ihm kann man shoppen gehen, über Mädels lästern, die man nicht leiden kann und das Schöne: Er ist viel emotionaler als man selbst, so dass man sich gut bei ihm ausheulen kann. Er wird es schon verstehen. Seit ein paar Tagen mache ich mir nun schon über Homosexualität und den schwulen besten Freund Gedanken und frage mich, ob ich wirklich so tolerant bin, wie ich dachte.


Mein schwuler bester Freund

Der ist doch bestimmt schwul“ – ein Satz, den man schön öfter gehört und auch sicher schon öfter verwendet hat. Es deutet eben alles darauf hin. Er achtet penibel auf sein Äußeres, er gestikuliert sehr viel, hat eine leicht nasale Stimme und zeigt Emotionen sehr offen. Keine Frage, er muss schwul sein.

Ich habe mich letztens mit zwei schwulen Männern unterhalten. Damit bin ich kein Experte, es hat mich nur einfach zum Nachdenken gebracht. Über die Gesellschaft und über mein eigenes Verhalten. Denn wenn ich von meiner letzten schwulen Bekanntschaft erzähle, dann kommt das immer zur Sprache. Immer erwähne ich in irgendeinem Nebensatz, dass er schwul ist. Nicht, dass er witzig ist. Oder intelligent. Auch nicht, dass er sehr mitfühlend ist. Er ist eben mein schwuler bester Freund, oder so.

Schwul – Das sagt genug über den Charakter aus

Zumindest scheinen das einige zu denken. Wenn man den Menschen beschreibt, dann beschreibt man ihn als „typisch schwul“ und wenn man hört, dass eine Frau lesbisch ist, dann hat man gleich eine Frau mit kurzen Haaren und Hosenträgern im Kopf. Dabei meint man es vielleicht nicht mal böse. Aber ist es nicht unglaublich unreif und intolerant, dass man meint, Menschen nur nach ihrer Sexualität beurteilen und beschreiben zu können? Ich für meinen Teil bin deutlich mehr als nur hetero.

„Mein schwuler bester Freund“ – Alleine schon dieser Satz..

Ein Kommilitone von mir hat es letztens gut auf den Punkt gebracht. Wenn man als schwuler bester Freund vorgestellt wird, dann ist es, als würde man damit auf die Sexualität reduziert werden. Kein „Hey, das ist XY, er ist der lustigste und netteste Mensch den ich kenne“ oder „Mit XYZ habe ich letztens eine ganze Flasche Wein geleert und über dies und das geredet“ sonder einfach nur: Er ist mein schwuler bester Freund. Wow. Wie aussagekräftig.

Genau so der Satz „Bist du der weibliche oder männliche Part in der Beziehung?„. Mal ehrlich, was ist das für eine Frage. Bedeutet es denn, „weiblich“ zu sein, wenn man emotional und schwach ist, aber der starke Part, der die Hosen anhat, der wird immer von Männern übernommen? Selbst in einer Hetero-Beziehung finde ich es einfach affig, einem Geschlecht eine klare Rolle mit solchen Charaktereigenschaften zuzuweisen.

Du bist, was du isst. Oder welche Sexualität du hast.

Wenn du schwul bist, bist du überemotional. Wenn du eine Frau bist, dann bist du schwach. Männer hingegen sind immer stark. Je mehr ich über dieses Thema nachdenke, desto enttäuschter werde ich. Wieso müssen wir uns denn immer klassifizieren? Ist ein Mensch nicht immer ein Individuum, egal welche Sexualität oder welches Geschlecht er hat?

Klar, vielleicht sollte man das manchmal nicht so ernst nehmen. Ein Freund von mir hat beispielsweise überhaupt nichts dagegen, wenn man ihn als „Schwuchtel“ bezeichnet oder er als der schwuler bester Freund vorgestellt wird. Und das finde ich wirklich angenehm, da ich mit ihm herum albern und Scherze machen kann, ohne Gefahr zu laufen, ihn zu kränken. Vermutlich, weil er weiß, dass ich ihn so akzeptiere, wie er ist. Offen, lustig, liebenswert, ehrlich – Sexualität hin oder her. Aber was ich für mich aus den letzten paar Tagen mitnehme ist, dass ich mehr darauf achte, wie schnell ich einen Menschen klassifiziere oder ein Label aufdrücke, denn es steckt einfach immer auch mehr dahinter.

Ohne es verallgemeinern zu wollen, möchte ich allerdings noch eine Sache sagen. Ich bin bisher immer bestens mit Schwulen ausgekommen, da ich das Gefühl habe, dass sie weltoffener sind. Vielleicht dadurch, dass man sich schon von Anfang an mit Geschlechterrollen und Sexualität auseinander setzen musste. Natürlich gibt es da sicher solche und solche, wie gesagt, ich möchte nichts verallgemeinern, aber ich für meinen Teil finde es wahnsinnig angenehm, auf Menschen zu stoßen, die einen nicht sofort in eine Kategorie stecken. Danke dafür!

Wie seht ihr das? Habt ihr auch oft dieses Klischee-Denken im Kopf? Schreibt es mir!

You Might Also Like...

5 Comments

  • Reply
    Tabea
    30. Oktober 2016 at 20:53

    Liebe Julia,
    da hast du ein Problem unserer Schubladen-Denkenden Gesellschaft voll auf den Punkt getroffen. Es ist einfach nur traurig, mit was für Vorurteilen wie alle herum laufen.
    Ich selbst habe eigentlich keine Freunde, bei denen ich weiß, dass sie homosexuell sind, aber in meinem Jahrgang waren zwei solche Personen. Wenn ich von ihnen gesprochen habe, dann habe ich das aber nie erwähnt, um sie zu beschreiben, sondern eher herausgestellt, wie intelligent die beiden sind (oder wie groß der eine)…
    Also ich versuche immer, mich von Klischee-denken fern zu halten und eigentlich klappt es auch ganz gut. Aber das ist vielleicht auch nur so, weil ich nie Teil der Cliquen war, die sich in der Schule so bilden, sondern immer die unbeliebte Außenseiterin…
    Liebe Grüße

  • Reply
    Max
    31. Oktober 2016 at 9:40

    Hallo Julia,

    Ich möchte dir mal etwas Input geben, weil ich mich als schwuler, bester Freund meiner besten Freundin angesprochen fühle durch deinen Post.
    Ich finde, dass man das Schubladendenken, dass du hier so treffend beschreibst am effektivsten durchbricht, indem man eben nicht dem Klischee entspricht. Ich habe so viele schwule Männer kennen gelernt, selten war da einer dabei, bei dem ich das Gefühl hatte, er würde dem Quotenschwulen entsprechen. Wenn ich meinen Kommilitonen, Arbeitskollegen oder wem auch immer erzähle, dass ich Typen date oder einen Freund habe, höre ich oft die gleiche Reaktion: Was?! Du bist schwul? Das hätte ich nie gedacht. Das ist für mich immer ein innerer vorbeimarsch, weil ich weiß, so Vorurteile abbauen zu können, die überhaupt keine Daseinsberechtigung haben.

    Meine beste Freundin kann zwar mit mir über emotionales reden, ich werde aber niemals der beste Freund sein, der ihr die Haare flechtet oder mit ihr shoppen geht und das weiß sie auch. Dadurch würde es auch schon gar keinen Sinn machen, mich als ihren schwulen, besten Freund vorzustellen, weil die Leute nicht nur ein Bild von mir im Kopf hätten, was mir nicht gerecht werden würde – Nein, das Bild wäre grundsätzlich einfach falsch.

    Nochmal zurück zu den Reaktionen der Leute, wenn ich erwähne, dass ich schwul bin: Am wohlsten fühle ich mich bei den Leuten, bei denen es eigentlich gar nicht erwähnenswert ist, dass ich schwul bin, denn für diese Menschen spielt es einfach keine Rolle. Sie machen sich ein eigenes Bild von den Menschen, die sie kennen lernen und dann bedarf es auch keiner Adjektive wie intelligent, gutaussehend oder gebildet, wenn man diesen Leuten eine fremde Person vorstellt.

    Allen, die noch nicht so genau wissen, wie sie mit homosexuellen in ihrem Umfeld umgehen sollen rate ich, ein paar Tage in der nächstgelegenen Grossstadt zu verbringen und einfach mal die Augen offen zu halten, um zu realisieren, dass es mittlerweile ein fester Bestandteil unserer Gesellschaft ist, mit den Menschen zusammen zu sein, den man liebt – egal welches Geschlecht. Dann erübrigt sich die Frage auch danach, wie man seinen schwulen, besten Freund anderen Leuten vorstellt. :)

    Habedere,

    Max

  • Reply
    Anna
    1. November 2016 at 17:02

    Das mit dem „Klassifizieren“, jemanden einfach in eine Schublade stecken, das passiert so schnell. Auch mir leider viel zu oft – und im Nachhinein bin ich enttäuscht von mir selbst, dass ich jemanden so schnell einfach so abstempeln konnte. Der erste, wichtigste Schritt ist meiner Meinung nach sowieso gegenseitiger Respekt und grundlegende Akzeptanz des Anderssein, egal in welcher Hinsicht. Denn dann sind, wie es ja anscheinend mit einem deiner Freunde der Fall ist, die politische Korrektheit von Begriffen oder schlichtes Herumblödeln vielleicht gar kein Problem mehr. Offenheit, Toleranz und vor allem Respekt sollten soooo viel selbstverständlicher sein! Und dass wir Menschen durch bestimmte Ausdrücke, Vorurteile oder Attribute Rollen zuzuweisen, die sie vielleicht gar nicht haben wollen – dessen sollten wir uns viel mehr bewusst werden…
    Übrigens, ich mag es sehr, sehr, sehr in welche Richtung dein Blog sich gerade verändert. Ich hab schon immer gerne deine Texte gelesen, aber gerade bin ich ganz besonders begeisterte Leserin :)
    Ganz liebe Grüße <3

  • Reply
    Lisa
    1. November 2016 at 23:18

    Hey Julia!

    Ein interessanter Post. Ich für meinen Teil hasse es, wenn sich Mädels (und es sind eigentlich immer Mädels, machen wir uns nichts vor) um jeden Preis einen schwulen besten Freund WÜNSCHEN! Nur weil sie bei SATC gesehen haben, wie toll es ist. Weil ein schwuler bester Freund eine Art beste Freundin Ersatz ist. Dabei haben sie gar keine Ahnung, was es wirklich bedeutet, einen besten Freund zu haben, der eben nicht auf Mädels steht. Ich habe es erlebt. Die Zeit vor seinem Coming out war für ihn (und demnach auch für mich) nicht einfach, wir haben oft durchgesprochen, wie seine Familie darauf reagieren wird, ob es sein Umfeld akzeptieren wird etc. Er hatte zum Glück selbst keine Probleme damit und hat es so angenommen, als er es gemerkt hat, aber der Weg ist steinig. Es ist nicht so, dass man dann einen besten Freund hat, mit dem man ständig shoppen geht, Prosecco trinkt und der nasal spricht und dich in Modefragen als Experte berät. Also alles nicht so Glamour, wie es scheint. Zudem muss ich sagen: es gibt so viele Männer, bei denen man die Homosexualität nicht merkt. Die, die ich kenne, sind zu 99% total „unschwul“. würden als hetero durchgehen, wenn man es nicht wüsste. Mein bester Freund zum Beispiel ist die mieseste Shoppingbegleitung aller Zeiten (okay, das ist übertrieben, aber Modeberatung ist echt nicht so seine Stärke, zumindest bringt er die Geduld mit :D), aber aus diesem Grund sind wir auch keine besten Freunde. Wir sind beste Freunde, weil wir einfach zusammenpassen, über alles reden können, zusammen Spaß haben können und weil wir gegenseitig merken, wenn es dem anderen nicht gut geht und dann füreinander da sind. Das Klischeedenken habe ich schon längst aufgegeben – gerade weil mein bester Freund homosexuell ist. Ich habe auch zwei lesbische Freundinnen, die zwar nicht typisch mädchenhaft sind, aber auch nicht dem Klischee von typischen homosexuellen Frauen entsprechen. Vorurteile sind einfach blöd – ich meine, meine homosexuellen Freunde akzeptieren auch alle, dass ich hetero bin (wobei das ja eh die Norm ist, schon klar, schon klar, aber eigentlich sollte es keine typische Norm geben).
    Sicherlich gibt es diese „Klischeeschwule und -lesben, keine Frage, denn irgendwo muss das Klischee auch herkommen, aber meine Erfahrungen sind, dass die meisten nicht diesem Klischee entsprechen. Zumindest nicht die, die ich kenne.

    Find ich gut, dass du das Thema auch mal angesprochen hast. Kennst du eigentlich schon den YouTube Kurzfilm: Imagine A World Where Being „Gay“ The Norm & Being „Straight“ Would Be The Minority. Hier ist der Link: https://www.youtube.com/watch?v=CnOJgDW0gPI

    Ich finde, der Film regt doch sehr zum Nachdenken an.

    Liebste Grüße
    Lisa
    http://www.mycafeaulait.at

  • Reply
    Sophie
    3. November 2016 at 9:43

    Ich könnte dir mit deinen Gedanken nicht mehr zustimmen. Ich erkenne mich total wieder. Ich würde mich immer als unglaublich tolerant und weltoffen bezeichnen, aber solche Verhaltensmuster und Aussagen lassen mich dann kurz daran zweifeln. Ich denke aber, dass du dich weder verändern noch besser werden musst, denn das bist du schon. Es gibt zu viele, die noch nicht so denken wie du & ich, und auf die kommt es an <3 Aber ja, wir sollten definitiv aufhören, diese Nebensächlichkeiten immer und überall zu erwähnen, als wären sie ein Pluspunkt oder eine Rechtfertigung für so manches. Küsschen :*

  • Schreibe einen Kommentar zu Lisa Cancel Reply

    %d Bloggern gefällt das: