inkonsequent

Wann bin ich eigentlich so inkonsequent geworden?

Ich habe mich immer für einen sehr moralischen und werte-orientierten Menschen gehalten. Ich habe mir ein Weltbild aufgebaut, Pläne gemacht, mir Ziele gesetzt und plötzlich, da war alles weg und ich fühle mich, als würde ich nur noch in einem leeren Raum schweben, völlig orientierungslos. Und ich frage mich, wie das alles passieren konnte. Wann genau bin ich eigentlich so inkonsequent geworden?


Wann bin ich eigentlich so inkonsequent geworden?

Der vermutlich persönlichste Post ever?

Früher habe ich meinen Blog genutzt, um private Gefühle und Gedanken zu teilen und einen Platz zu geben. Doch je mehr Reichweite ich bekomme habe, desto mehr wollte ich mich selbst schützen. Ich kann es nicht leiden, wenn Leute, die ich selbst kaum kenne, meinen, in mich hinein gucken zu können – und das nur, weil sie mal meinen Blog gelesen haben. Das gibt mir das Gefühl, angreifbar und verletzlich zu sein. Ein Zustand, den ich möglichst vermeiden möchte.

Doch je mehr ich mich schützen wollte, desto oberflächlicher ist auch mein Blog geworden. Ich bin zwar ein Mensch, der denkt, dass Gefühle und Gedanken nichts sind, wofür man sich schämen müsste und dass man sie offen kommunizieren sollte, doch gleichzeitig versuche ich mich selbst so gut wie möglich von meiner Umwelt abzukoppeln, damit auch ja niemand merkt, wie es mir geht. Und wenn ich es mir recht überlege, dann war auch das schon furchtbar inkonsequent.

Aber was ist eigentlich passiert?

Ja, das ist eine gute Frage.

Eigentlich hat das Jahr 2017 für mich ziemlich gut begonnen. Ich war sehr gut organisiert, hatte Visionen, Ziele und habe mir auch jeden Monat ein festes Vorhaben in den Kopf gesetzt und dieses dann auch durchgezogen. Ich weiß nicht mehr, wann genau der Umschwung kam, aber plötzlich stand dann alles Kopf.

Hattet ihr schon einmal das Gefühl, dass nichts mehr richtig ist? Dass ihr an einer Kreuzung steht und jeder Weg ist einfach der falsche, so dass ihr euch nur noch ständig im Kreis dreht, euch schwindelig wird und ihr dann irgendwann einfach liegen bleibt und prokrastiniert, vor euch hin vegetiert?

Genau so geht es mir gerade. Ich bin einfach nur noch inkonsequent geworden. Meine Werte, meine Vorhaben und meine Ziele liegen komplett auf Eis und werden andauernd angezweifelt, ich treffe Entscheidungen, hinter denen ich nicht stehe und habe Gedanken, die unterschiedlicher nicht sein können.

Der morderne Steppenwolf

Eines meiner Lieblingsbücher war immer der Steppenwolf von Herman Hesse. Wer es nicht kennt, es geht darin um Harry Haller, der meint, seinen Charakter in Mensch und Wolf einteilen zu müssen. Der Mensch steht für das Bürgerliche, das Moralische, das Gesittete, während der Wolf wild und unkonventionell ist. Bei jeder Entscheidung, die er als Mensch trifft, wird er vom Wolf in ihm verspottet und andersherum genau so. Wahrscheinlich trifft das meine Situation ganz gut.

Dieses Phänomen kann ich nicht nur bei meinen privatesten Gedanken beobachten. Auch wenn es um meine (vegane) Ernährung oder meinen Blog geht fällt mir dies auf. Wenn ich mal richtig konsequent bin, dann lache ich mich selbst aus, weil ich mich irgendwie nicht ganz darin wieder finde, doch bin ich inkonsequent, so bin ich mit mir selbst unzufrieden, weil ich nichts auf die Reihe bekomme.

Im Moment fühlt es sich an, als würden zwei Herzen in meiner Brust schlagen. Und die beiden können sich auf den Tod nicht ausstehen.

Vielleicht ist es die Quarter Life Crisis?

Die Quarter Life Crisis, ein Zustand, der die Unsicherheit im jungen Erwachsenenalter bezeichnet. Man fühlt sich nicht gut genug, befindet sich in einer Identitätskrise, ist sehr nostalgisch und fühlt sich häufig einsam.

Im Grunde halte ich nicht viel davon, einen Gefühlszustand sofort zu kategorisieren, denn eigentlich ist es mir egal, was es ist. Ich will, dass es weg geht.

Aber was tut man in dieser Krise?

Sich zusammen reißen? Sich selbst finden? Sich abkapseln? Ich kann es nicht sagen.

Ich wünschte, es gäbe eine Schritt-für-Schritt Anleitung, die einen aus dieser Situation heraus hilft. „Malen Sie ein Bild“ – Check. „Gehen Sie wandern“ – Check. Und wie durch ein Wunder ist man dann geheilt und kann seinen Weg gehen. Und ist nicht mehr so inkonsequent.

Aber so ist es nunmal nicht. Und vermutlich hilft es nur, die Situation auszusitzen, auf seinen Körper zu hören und nicht aufzugeben. Klar, das ist einfacher gesagt als getan, denn dieses Gefühl, nur noch schlafen oder wegrennen zu wollen, weil man sich selbst mit allem so unwohl fühlt, das lässt sich nicht einfach mal so aussitzen. Man ist von sich selbst angewidert. Aber manchmal, da kann man sich eben nicht andauernd selbst motivieren. Und vielleicht ist es dann auch einfach mal okay, vor sich hin zu leiden.

Kennt ihr diesen Gefühlszustand? Und was hat euch geholfen, ihn zu überwinden?

You Might Also Like...

4 Comments

  • Reply
    Jasmin
    3. Mai 2017 at 19:05

    Oh I feel you <3 habe mich so während meiner Arbeitslosigkeit gefühlt mit 20/21 und es war einfach nur schrecklich. Ich habe den Begriff Quarter Life Crisis damals noch gar nicht gekannt aber ich denke, viele junge Menschen machen das durch und wie du schreibst, gibt es dagegen kein Allheilmittel. Jeder muss sich da selbst durchkämpfen und an sich arbeiten um wie ein Phönix wieder aufzustehen! Ganz egal wie lange es dauert! (bei mir waren es ca. 2 Jahre). Ich glaube das wichtigste ist, dass du dich mit den richtigen Leuten umgibst (Freunde, Familie) die dich unterstützten und bei denen du dir sicher sein kannst, dass sie immer für dich da sind! Geteiltes Leid ist halbes Leid weißte Bescheid. Das hat mir jedenfalls geholfen. Außerdem hat mir Yoga & Meditation auch krass geholfen mit mir selbst im Klaren zu sein/zu bleiben, auch wenn es sich vielleicht klischeemäßig anhört… Ich wünsche dir jedenfalls nur das Beste und finde deine Entwicklung Blogtechnisch (denn persönlich kenne ich dich ja nicht, denke aber da bist auch ganz cool) super!

    Alles Liebe <3
    Jasmin

  • Reply
    Tabea
    4. Mai 2017 at 19:52

    Liebe Julia,

    auf mich wirkst du auch immer wie eine junge Frau mit Wertvorstellungen und dem Mut, diese auch zu leben.

    Ich kann gut verstehen, wie blöd du es findest, wenn jemand meint, dich aufgrund deines Blogs zu kennen und einschätzen zu können. Sowas ist nie schön und ich würde mich vielleicht ähnlich wie du verhalten, wenn mein Blog auch nur annähernd so beliebt wie deiner wäre. Aber da du immer noch über Dinge schreibst, die dich bewegen, finde ich deinen Blog keinesfalls unpersönlich. Du zeigst doch immer noch allen, wie für dich ein verantwortungsbewusstes Leben aussieht – und das finde ich sehr mutig und auch nicht oberflächlich oder gar inkonsequent.

    Ich hatte Anfang des Jahres auch noch ganz andere Ziele und streiche die nach und nach, weil ich sie einfach nicht erreichen kann, da sich mein Leben verändert hat. Und auch ich treffe da Entscheidungen, auf die ich vielleicht eher weniger stolz bin.

    Ich kann deinen Zwiespalt, z.B. bei der Ernährung gut nachvollziehen… eigentlich will ich ja nur Bio unterstüzen… aber uneigentlich bin ich dann doch nicht in der Lage, nur Bioobst und gemüse und Milchprodukte zu kaufen, weil ich dann mein Pony aus Kostengründen wieder verkaufen müsste. Da kann ich gut verstehen, dass du gern die Anleitung zum Ausweg hättest… aber ich kann sie dir auch nicht liefern :(

    Mir hilft gerade das Pony, meinen von mir angewiderten Zustand zu überwinden. Ich brauche immer ein Ziel, was mein Antrieb sein kann, einen Weg zu verfolgen.

    Liebe Grüße

  • Reply
    Laura
    5. Mai 2017 at 3:31

    Ich hatte das während meines Studiums recht häufig.
    Was wahrscheinlich mit der zukünftlichen Unsicherheit zu tun hatte.
    Je älter und reifer ich wurde, desto besser wurde das auch. Na ja, jetzt bin ich natürlich immer noch jung und etwas ziellos, aber ich hab mehr Orientierung.
    Aber trotzdem habe ich in diesem Moment auch genau dieses Gefühl – was ist Richtig? Wo gehe ich hin? Wo will ich überhaupt hin? Waren das die richtigen Entscheidungen?
    Und mein Leben steht gerade einfach nur still und ich gucke zu, wie ich untergehe.

  • Reply
    Anne
    5. Mai 2017 at 6:32

    Liebe Julia,

    mh, für mich liest sich das weniger wie Inkonsequenz, sondern mehr, als würdest du deine bisherigen Werte gründlich in Frage stellen. Und das finde ich nicht inkonsequent, sondern mutig und letztlich auch notwendig, um weiter zu kommen. Je älter man wird und je mehr Verantwortung man übernimmt, desto komplexer wird das Leben auch. Und dann kommt es darauf an, flexibel zu sein und Kompromisse finden zu können.

    Keiner zwingt dich, starr an deinen bisherigen Werten und Aufgaben festzuhalten… nur du selbst. Musst du zum Beispiel wirklich bloggen? Oder überwiegt der Stress, den du dir damit machst, die positiven Aspekte? Stehst du wirklich noch voll hinter der veganen Ernährung oder hältst du nur daran fest, weil du nun mal Veganer geworden bist? Und so weiter. So einen Schritt zurückzutreten, finde ich verdammt hilfreich. Dabei kann ja auch durchaus herauskommen, dass du weiterhin dieses oder jenes machen möchtest, aus Überzeugung. Aber vielleicht weniger, oder anders… aber auf jeden Fall weißt du dann wieder, dass das wirklich _deine Richtung ist.

    Wenn ich so darüber nachdenke, bin ich mit dieser Identitätskrisen-Phase mittlerweile weitestgehend durch… OMG, und jetzt komm ich mir eh alt vor, weil ich mit 30 schon mehr als ein Viertel meines Lebens hinter mir habe. %D

    Liebe Grüße
    Anne

  • Leave a Reply

    %d Bloggern gefällt das: